Datum: 2011-06-25, Ort: Buhlen

WLZ-FZ - Soldaten, Flüchtlinge und ein britischer Lord

Der Buhlener Bahnhof und die Gaststätte Brüne im Zeitgeschehen der 1930er und 1940er JahreAus
adlerBeim Besuch des Floh-marktes in der Korbacher Halle Waldeck fallen mir 1995 an einem Stand eine Reihe von Fotoalben in die Hände, die auf den ersten Blick Bilder der Gegend am Edersee beinhal-ten. Das älteste kaufe ich. Es ist in Stoff gebunden und verziert mit bunten Blumen, der Mode der 1950er Jahre entsprechend. Die 100 Bilder in Schwarzweiß sind sauber angelegt, jedes Foto ist auf der Rückseite beschriftet mit Datum und Ort. Doch nir-gends findet sich ein Hinweis, wer sich einst all diese Mühe gemacht hat. Vor wenigen Wochen kommt dieses Album bei der Suche nach Bildern vom Edersee wie-der zum Vorschein. Ich ent-schließe mich nachzuforschen. Einen Anhaltspunkt gibt es, den Bahnhof Buhlen/Affoldern, er ist auf Fotos gut erkennbar – immer aber in Verbindung mit Leuten, die dem Anschein nach nah am Bahnhof gelebt haben. Mit dem Fotoalbum im Ge-päck fahre ich vor wenigen Wo-chen nach Buhlen. Alles stimmt genau mit den Bildern über-ein. Doch wer kann weiterhel-fen? Erika Brüne ist gerne bereit, sich die Bilder anzuschauen. Sie hat zwar erst in den frühen fünf-ziger Jahren in die Gastwirts-familie „eingeheiratet“, aber sie erkennt ihre beiden Schwä-gerinnen auf einem Bild mit ei-nem Luftwaffensoldaten. Beim Hochzeitszug vor der Gaststätte handelt es sich um die Hochzeit ihrer Schwägerin, wie sich spä-ter herausstellen sollte.Schwägerin erzähltViele Fotos zeigen eine jun-ge blonde Frau, über die Erika Brüne keine Auskunft geben kann, da alle Bilder vor ihrem Umzug nach Buhlen entstan-den sind. Sie verspricht aber, ihre Schwägerin in Kirchhain zu verständigen, die genauere Angaben machen könne.Schon wenige Stunden spä-ter meldet sich Hildegard Rit-ter. Sie betreibt in der Kirchhai-ner Kernstadt mit ihren neunzig Jahren noch immer ein Korb-warengeschäft – sie stellt sich als ein Glücksfall heraus: Kaum ein Bild im Album, zu dem sie nicht etwas erzählen kann. Sie ist in der Gaststätte Brüne groß geworden und hatte im-mer auch einen Blick auf den Bahnhof, der sich in den 1930er Jahren zu einem Umschlag-platz für die Edersee-Region entwickelt hatte, ob Touristen ankamen oder Material. Als 1936 die ersten Mufflons und Waschbären in einem Gü-terwaggon angeliefert wurden, hat sie die Verladung auf Last-wagen miterlebt. Die Tiere wur-den an der Bathildishütte aus-gesetzt, inzwischen haben sie sich in ganz Nordhessen aus-gebreitet. Die Hütte stammt aus dem 19. Jahrhundert und hat einst dem Fürstenhaus ge-hört. – 1938 wohnte ein Mäd-chen aus England mit im Haus, Eilyn. Sie war mit der Familie Brüne weitläufig verwand und sollte in Buhlen die deutsche Sprache erlernen. Mit den bei-den Schwestern Hildegard und Erika ging sie auf die „Höhe-re Mädchenschule“ in Bad Wil-dungen. Eilyns Eltern betrieben in London einen Pub, also eine Gaststätte, so dass sie sich bei Brünen sehr wohl fühlte. Ein Telefonanschluss war auch schon vorhanden. Und so kam eines Abends ein mysteriöser Anruf, ein „Mister Halifax“ wur-de gesucht. Da der Anrufer nur englisch sprach, holte die Fa-milie eilig Eilyn an den Appa-rat, sie fand des Rätsels Lösung und übersetzte: Gesucht wurde kein Geringerer als Lord Edward Halifax, der Außenminister sei-ner Majestät, des britischen Königs. Der konservative Poli-tiker war zu diesem Zeitpunkt zu Gast bei Herrmann Göring in der Bathildishütte, die beiden waren auf Jagd.Gastgeber GöringDer Titel, Orden und Prunk lie-bende Göring war damals Ober-befehlshaber der deutschen Luftwaffe im Generalsrang, Reichsforstmeister und Reichs-jägermeister, als Leiter des Vier-jahresplans sollte er die mas- sive Aufrüstung Deutschlands organisieren. Mit Lord Halifax traf er sich mehrmals zu politi-schen Sondierungen. Da passte die entlegene Hütte ganz gut.Der Brite war ein Verfechter der „Appeasement-Politik“, die auf ein friedliches Auskommen mit den europäischen Diktato-ren Hitler, Franco und Mussolini setzte. Dies führte im Septem-ber 1938 zum „Münchener Ab-kommen“, mit dem die Tsche-choslowakei zerschlagen und mehr oder weniger an Deutsch-land angegliedert wurde. Wurde damals am Edersee womöglich Geschichte geschrieben?Warum der Anrufer aus Eng-land bei den Brünes gelandet ist, lässt sich nicht mehr klä-ren. Die mitten im heutigen Na-tionalpark gelegene Hütte hat-te damals schon einen eigenen Telefonanschluss. Wahrschein-lich war gerade wegen der ho-hen Besuche eine Oberleitung durch den Wald bei Gellershau-sen ausgebaut worden. Vor zehn Jahren war die Schneise im Wald noch zu erkennen. Wie lange der Aufenthalt des Außenminis-ters gedauert hat, ist ebenfalls nicht genau bekannt. 1939 bestimmten mehr und mehr Soldaten und Nachrich-tenhelfer das Erscheinungsbild am Gasthaus. Ob es die Horch-stellung in Böhne war oder Ge-schützbedienungen der Flug-abwehrkanonen, kurz Flak, am Edersee – alle mussten am Bahnhof ein- und aussteigen. Im Jahr 1943 waren nur noch wenige Soldaten unterwegs. Meist handelte es sich um Fronturlauber, die am Bahn-hof ankamen. Die Flak hatte das Oberkommando abgezogen.An die Nacht auf den 17. Mai 1943 kann sich Hildegard Rit-ter noch gut erinnern. Sie saß mit Familienangehörigen noch draußen im Biergarten, als ein mächtiges Brummen von Flug-zeugmotoren zu vernehmen war. Ihr Vater Wilhelm sagte, es seien deutsche Maschinen, also schenkte die Runde den Geräu-schen weiter keine Beachtung. Plötzlich dröhnte es, eine der Maschinen kam so tief über Af-foldern, dass die junge Frau die Besatzung der Maschinen durch die Plexiglasscheiben sehen konnte. Bei zwei eingeschalte-ten Scheinwerfern glaubte auch jetzt noch niemand an Gefahr – bis plötzlich ein lauter Schlag zu vernehmen war, da erst erahn-ten alle, dass es sich um alliier-te Flieger handeln musste. Und noch mehrmals dröhnten die viermotorigen Bomber der briti-schen Royal Air Force durch das Edertal, um ihr Ziel anzuvisie-ren. Da es zu diesem Zeitpunkt keine Flak-Geschütze mehr am Edersee gab, mussten die Lan-caster-Besatzungen mit keiner Gegenwehr rechnen. Die letzte zur Verfügung stehende Roll-bombe erzielte eine Zerstörung, die bis dahin niemand für mög-lich gehalten hatte: Die Sperr-mauer war geborsten. Eine zehn Meter hohe Flutwel-le wälzte sich nach dem Damm-bruch auf Affoldern zu. Im Licht des Vollmondes war alles gut zu erkennen. Bilder, die Hildegard Ritter nie vergessen hat. 70 Überlebende im GasthausAus dem tiefer gelegenen Affoldern konnten viele Ein-wohner der Flutwelle entkom-men, sie wurden in dieser Nacht im Gasthaus untergebracht. Bis zu 70 Menschen befanden sich im Haus. Schnell wurde für die durchnässten und frierenden Menschen Kaffee in einem gro-ßen Kessel gekocht, auch Brot war genügend vorhanden, denn einen Tag vorher hatte die Fa-milie für die Gaststätte geba-cken. So konnte mit Essen und Decken erst einmal die größte Not gelindert werden. Noch in der Nacht kam Militär aus Arolsen, das ein Nebenzimmer der Gaststätte beschlagnahmte. Beim ersten Tageslicht begannen die Ret-tungsarbeiten, Menschen wur-den von den Dächern ihrer Häuser mit Schlauchbooten gerettet, lebendes Vieh wurde auf höher gelegenes Gelände getrieben, die Technische Not-hilfe kam mit Lastwagen, und die Nationalsozialistische Frau-enschaft übernahm die Vertei-lung von Lebensmittelrationen an die betroffene Bevölkerung. Viele Menschen hatten ihre Wohnungen verloren, sie ka-men entweder bei Verwandten unter, oder sie wurden auf Höfen untergebracht, wo Woh-nungsraum bereitgestellt wur-de. Etwa vier Wochen dauerten die ersten Aufräumarbeiten. Zwischenzeitlich waren auch wieder Flak-Einheiten einge-troffen, die vornehmlich über den Bahnhof Buhlen/Affoldern kamen. Auch Sperrballone stie-gen über dem Edersee auf, um Flugzeuge abzuwehren.Für die Gaststätte änderte sich 1943/44 erneut das Er-scheinungsbild, Uniformen be-stimmten wieder den Alltag. Da nur wenige hundert Meter entfernt vom Bahnhof das erste Flak-Geschütz stand, verbrach-ten die Soldaten ihre Freizeit im Gasthaus Brüne. Im Wieder-aufbau arbeitende Männer der Organisation Todt mischten sich mit Luftwaffensoldaten. Ein Kriegsgefangenenlager be-fand sich mehrere hundert Me-ter vom Gasthof entfernt. Dort waren russische Gefangene in Zelten untergebracht, die als Zwangsarbeiter an der Sperr-mauer schuften mussten. Für sie gab es nur wenig zu essen. Da in der Scheune der Gaststät-te Kartoffeln lagerten, bedien-ten sich die Gefangenen schon mal öfters. Die Familie bemerk-te zwar den Diebstahl, denn die Kartoffeln beulten den Gefan-genen die Hosen aus, aber dies wurde stillschweigend toleriert. Überrascht war Familie Brüne, als die Gefangenen mit Weiden-körben kamen und sie ihnen schenkten. Sie hatten aus den Weidengerten am Netze-Bach Körbe geflochten, die sie als Gegenleistung für die Kartoffeln mitbrachten – damit hatte nie-mand gerechnet. Viele Fotos sind damals ge-schossen worden, auch Ehen haben sich in dieser Zeit an-gebahnt. Hildegard Ritters Schwester Erika Brüne heirate-te 1948 einen ehemaligen Sol-daten, der als Batteriechef am Edersee im Einsatz war. Von die-ser Hochzeit sind einige Fotos erhalten geblieben. Noch in den letzten Kriegs-monaten kamen auch erste Flüchtlinge, die im Osten vor der Roten Armee geflohen wa-ren. Aber auch Ausgebombte aus Großstädten wurden in den Dörfern untergebracht. Ins Bahnhofsgebäude zog ei-ne junge blonde Frau mit ihren Eltern ein, die aus Breslau stammten. Nur mit den nötigs-ten Dingen waren sie angekom-men. Einen Fotoapparat hatte die Familie wohl auch gerettet, so dass fast vom ersten Tag an Bilder gemacht wurden. Abends habe die junge Frau auf einem Klavier das „Ave Maria“ gespielt – nach den einzigen Noten, die sie aus ihrer Heimat gerettet ha-be, erzählt Hildegard Ritter. Al-len sei wehmütig ums Herz ge-worden, wenn sie zugehört hät-ten. Auch das Fotoalbum hat die Breslauerin zusammengestellt. Nach dem Krieg waren für die Sperrballone am Edersee neue Verwendungsmöglichkeiten ge-geben, Hildegard Ritter hat aus der Innenhaut der Ballons Re-genjacken genäht, aus dem äu-ßeren, feinen Material Kleider.Nach Korbach gezogenWie aus den Bildern hervorgeht, hat auch die junge blonde Frau aus Breslau einen ehe-maligen Luftwaffensoldaten ge-heiratet. In den sechziger Jah-ren führte das Paar ein Lebens-mittelgeschäft in Korbach. Über den weiteren Lebensweg ist nichts mehr bekannt, die Kon-takte zur Familie Brüne sind Ende der sechziger Jahre einge-schlafen. Hildegard Ritter hat nach Kirchhain geheiratet, ihre Schwester nach Gütersloh.Andere Geschehnisse be-stimmten den Lebensweg Hil-degard Ritters. Einige Dinge sind als Andenken geblieben, so hängen im Flur ihrer Wohnung noch heute Geweihe von Reh-böcken und Hirschen, die ihr Vater Wilhelm vor vielen Jahr-zehnten auf der Jagd erlegt hat. Fotos sind die anderen Re-likte der Vergangenheit, die sie sich immer wieder gerne an-schaut. Das Fotoalbum wurde zwischenzeitlich digitalisiert, es ist eine wertvolle Bereicherung des Bildmaterials, das ein wenig vom Zeitgeist der vergangenen Jahrzehnte wiedergibt.




JahreAus dem Fotoalbum aus Buhlen: die Schwestern Erika (links) und Hildegard Brüne mit einem Luft-waffensoldaten um 1944/45.




Gänse vor der Gaststätte Brüne in Buhlen, das Bild ist laut Anga-be auf der Rückseite 1945 entstanden.


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